Konjunkturelle Situation in der Schweiz (Gastbeitrag von R. Müller)

Die Schweiz kann punkto Wirtschaft fast als Insel in Europa bezeichnet werden. Die Kof-Konjunkturumfrage und die morgen erscheinenden Arbeitslosenquoten geben weiteren Einblick in die Schweizer Konjunktur.

Müller. Europäische Arbeitslosenquoten von beispielsweise 26,7% in Spanien und 17,5% in Portugal machen fassungslos. Dagegen ist der Arbeitsmarkt in der Schweiz bisher ein Paradies für Arbeitsuchende. Im März betrug die entsprechende Rate 3,2%. Experten erwarten für die morgen erscheinende Lesung zu den April-Daten eine Stagnation und rechnen auch bis Ende Jahr mit einem Wert in diesem Bereich. Zwar war es in der Schweiz schon einfacher, eine Arbeitsstelle zu finden – laut der heute erschienenen Konjunkturumfrage der Kof für April wollen die Unternehmen Arbeitsplätze eher ab- statt aufbauen –, dennoch zeigt der Vergleich mit Resteuropa die wirtschaftliche Stärke der Schweiz.

Die Kof rechnet in ihren Prognosen für die Konjunktur in der Schweiz in diesem Jahr mit einem Wachstum von 1,4%, das Seco erwartet ein Wachstum von 1,3%, und die Credit Suisse prognostiziert einen Zuwachs von 1,5%. Natürlich bewegen sich die Raten nicht mehr wie früher über 3 oder gar fast 4%. Bedenkt man jedoch, dass sich in den grossen Volkswirtschaften der Eurozone die Prognosen teilweise sogar im negativen Bereich bewegen (bsp. Frankreich) und die Schweiz, historisch bedingt, stark vom Export nach Europa abhängig ist, kann sie gegenwärtig schon fast als Insel der Glückseligen bezeichnet werden.

Rückgrat Binnenmarkt

Nach wie vor als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft kann der starke Binnenmarkt bezeichnet werden – ein Grund, warum auch der Arbeitsmarkt nicht so stark wie in anderen Ländern auf die Eurokrise reagiert. Er wird einerseits vom privaten Konsum gestützt. Trotz Krise konsumierten die Bürger 2012 in der Schweiz 2,5% mehr, nicht zuletzt da die geringen Importpreise dank des günstigen Euro-Franken-Kurses letztes Jahr an die Konsumenten weitergegeben wurden. Dieses Jahr dürfte das Wachstum wegen etwas höherer Preise zwar nicht mehr ganz so gut ausfallen. Die Schätzungen reichen von 1,3 bis 1,9%. Dennoch reicht dies, um das Wachstum der Wirtschaft erneut zu stützen.

Andererseits lebt der Binnenmarkt derzeit von den Bauinvestitionen. Hier liegen die Schätzungen zwischen 2 und 2,5%. Zwar verzeichnete die Schweiz in diesem Bereich schon höhere Zuwachsraten. Die Preise für Immobilien sind in den letzten fünf Jahren aber um über 20% gestiegen. Mittlerweile bestehen wegen des hohen Preisniveaus erhebliche Risiken einer Blasenbildung, wie auch der neuste UBS-Immobilienblasenindex zeigt. Grund für die hohen Preise ist das nach wie vor niedrige Zinsniveau, das durch die Schweizerische Nationalbank unterstützt wird. Ausserdem gilt die Schweiz als sicherer Hafen für nicht benötigte Liquidität.

Geringe Zinsen und ein beschleunigter Prozessoptimierungsdruck sind auch der Grund, warum die Schweizer Unternehmen trotz der Verunsicherung, die die Eurokrise mit sich bringt, und einer unterdurchschnittlichen Kapazitätsauslastung bisher nach wie vor investieren. Vergangenes Jahr wurden 2,5% mehr als im Vorjahr für Maschinen und dergleichen ausgegeben. Doch nicht alle glauben an die Fortführung des Trends. Zu den Pessimisten unter den Prognostikern zählt das Seco. Es glaubt nicht an weitere Unternehmensinvestitionen und begründet seine Vorsicht mit zu vielen freien Kapazitäten und einem unsicheren wirtschaftlichen Umfeld. Dieses Jahr reichen die Erwartungen der Ökonomen allerdings von –1 bis zu satten +3%.

Industrie verhalten optimistisch

Vom dritten Konjunkturtreiber, von der Exportindustrie, kommen ebenfalls unterschiedliche Signale. Laut der neusten Umfrage der Kof ist die Branche mit der gegenwärtigen Geschäftslage unzufrieden. Weitere Anhaltspunkte gibt der Einkaufsmanagerindex für die Industrie der Credit Suisse in Zusammenarbeit mit Procure.ch. Zwar wird hier nicht zwischen Export und binnenorientierten Industrieunternehmen unterschieden. Dennoch lässt sich die Stimmung im Exportsektor dank seinem hohen Gewicht in der Branche erahnen. Mit einem Wert 50,2 Punkten liegt der Index nur knapp über der Grenze von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird. Dennoch rechnen Experten mit einer Verbesserung des Umfelds. Die Schätzungen zum Export für 2013 reichen von einem Zuwachs von 2,6 bis 3%, nach einem Plus von nur 1,2% 2012.

Obwohl es der Schweiz damit wirtschaftlich insgesamt besser geht als den meisten europäischen Staaten, darf sie sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Gerade der hohe Wachstumsbeitrag der Bauwirtschaft zur Konjunktur stimmt aus der Sicht von Nachhaltigkeit vorsichtig. So verursachen Immobilienblasen, wenn sie platzen, hohe Kosten, wie am Beispiel USA und Spanien zu sehen ist. Zudem hat die Kof kürzlich eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass die Schweiz an Innovationskraft abgegeben hat. Zwar belegt sie immer noch einen Spitzenplatz, musste jedoch den bisherigen ersten Platz an Dänemark abtreten. Schliesslich hat die Schweiz in der Vergangenheit im Bereich Konsum vermehrt von der Zuwanderung profitiert. Nimmt diese ab, wird das auch die Konsumbranche spüren.

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