Gefährliche Ansteckungsrisiken

Wegen der Ansteckungsgefahr muss die EU alles tun, um das problematische Projekt der Eurozone zu retten. Ein Kommentar von Roger Müller

Auf dieses Jubiläum hätten wir gerne verzichtet: Zum dritten Mal jährt sich im Mai das Wochenende, an dem mit der Verabschiedung eines hastig geschnürten Rettungspakets für Griechenland die Eurokrise schlagartig ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangte. Seither halten uns die Ereignisse in Europa in Atem, und ein Ende ist nicht absehbar. Ihre besondere Brisanz erhält die Krise aus der immer wieder aufflackernden Befürchtung, dass Probleme in einzelnen Ländern zu einer Kettenreaktion führen und die gesamte Eurozone in einen Abwärtsstrudel reissen könnten. Anders ist es nicht erklärbar, warum Ereignisse in Griechenland oder Zypern derartige Schockwellen durch die europäische und die globale Wirtschaft senden.

Oder hätte sich vor wenigen Wochen jemand vorstellen können, dass die Weltpresse ausführlich und während Tagen Details des zypriotischen Finanzwesens erörtern würde? Diese Ansteckungsängste sind letztlich der Grund, warum die an sich langfristigen, strukturellen Probleme einer mangelhaft ausgestalteten Währungsunion immer wieder kurzfristige Krisenstimmung erzeugen. Diese Ängste haben ihren Ursprung regelmässig in der Befürchtung, dass Bank Runs ein nach wie vor gestresstes und vor allem unterkapitalisiertes Bankensystem in eine weitere, möglicherweise fatale Finanzkrise stürzen könnten. Der labile Zustand der europäischen Banken führt dazu, dass die aufbrechenden Grundprobleme der Eurozone, die eigentlich mit dem Finanzsystem nur am Rande zu tun haben, anhaltende Krisenängste auslösen.

Fatale Konstruktionsfehler

Unter Ökonomen ist seit der Gründung der Währungsunion bekannt, dass die Eurozone fatale Konstruktionsmängel aufweist. Ihr Start mit so vielen, unterschiedlichen Mitgliedern war ökonomisch höchst problematisch. In den Jahren seit der Gründung der Währungsunion bauten sich denn auch, wenig überraschend, zwischen den Mitgliedstaaten Ungleichgewichte auf, die in substanzielle Leistungsbilanz- und strukturelle Budgetdefizite mündeten. Dass dies einmal schmerzhafte Korrekturen auslösen würde, war aus ökonomischer Sicht schon lange klar. Grosses Pech war dann aber, dass der Ausbruch der Finanzkrise die Probleme so plötzlich offenlegte, dass eine langsame Korrektur nicht mehr möglich war. Die ­Finanzmärkte realisierten schlagartig, dass einige Euroländer kaum mehr in der Lage sein würden, die vor der Krise angehäuften Schulden zu bedienen.

Im Frühling 2010 stand Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit. Ohne externe Unterstützung hätte das Land die ausstehenden Schulden nicht mehr vollständig bedienen können und mit den Gläubigern über einen teilweisen Schuldenerlass verhandeln müssen. Und externe Unterstützung war im institutionellen Gefüge der Eurozone explizit nicht vorgesehen, ja sie war durch die sogenannte No-Bailout-Regel sogar verboten. Trotzdem entwickelte sich eine hektische Krisendiplomatie, die im Mai 2010 dann letztlich eben doch in einen Bailout mündete. Er bestand darin, dass die anderen Eurozoneländer gemeinsam mit dem IWF der griechischen Regierung außerordentliche Kredite gewährten.

Ursache für diese spektakuläre Kehrtwende war die Angst vor einer Ansteckung, die die gesamte Eurozone zu gefährden drohte. Grosse Bestände griechischer Staatsanleihen befanden sich nämlich in den Bilanzen von Banken in der Eurozone. Hätte man von Beginn an den ökonomisch vernünftigen Weg einer substanziellen Teilabschreibung der Schulden beschritten, wäre die Solvenz dieser Banken gefährdet gewesen. Viele europäische Institute waren (und sind) von der Finanzkrise geschwächt und mit zu wenig Eigenkapital ausgestattet. Um die Insolvenz solcher Banken und die befürchteten Ansteckungseffekte auf andere zu vermeiden, schützte das Rettungspaket für die griechische Regierung die Gläubiger vor Verlusten. Es handelte sich um einen indirekten Bailout der exponierten Banken.

Das griechische Rettungspaket war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass in dieser Krise ein Tabubruch begangen wurde, um ein Ansteckungsrisiko im Bankensektor zu vermeiden. Eine Woche nach dem «Griechenland-Gipfel» wurde mit der Europäischen Finanzmarktstabilisierungsfazilität (EFSF) ein als temporär bezeichneter Rettungsfonds beschlossen, der Bailouts auch in ­Irland und Portugal finanzierte. Mit dem Kauf von Staatsanleihen der Krisenländer durch die Europäische Zentralbank (EZB) wurde ein weiteres Tabu zumindest geritzt, nämlich die weitgehende Trennung von Geld- und Finanzpolitik. Noch weiter ging in dieser Hinsicht die letztes Jahr erklärte Bereitschaft der EZB, unter gewissen Bedingungen unlimitiert Staatsanleihen bedrohter Staaten zu kaufen. Und der Rettungsfonds wurde schließlich in den permanenten Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) übergeführt, womit die Möglichkeit von Bailouts in der Eurozone nun institutionalisiert ist.

Letztlich geht es in der ganzen Diskussion von Ansteckungseffekten in Europa meist um eine Frage, die der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen einmal sinngemäß so formuliert hat: Ist der Austritt eines oder mehrerer Länder aus der Eurozone möglich, ohne die «Mutter aller Bankenkrisen» heraufzubeschwören? Spätestens seit der Griechenlandkrise wird diese Frage diskutiert, und die ganzen Tabubrüche lassen sich damit begründen, dass viele Beobachter Eichengreens Frage mit Nein beantworten. Die Sorge ist mehr als berechtigt. Wie auch immer man es dreht: Der Euroaustritt eines Landes mitten in einer Krise wäre ein bisher unerprobtes Experiment mit gewaltigen Risiken für das Finanzsystem.

Wenn es sich um eines der Krisenländer handelt, so gilt das sicher für das austretende Land selbst. Nur schon die Ankündigung würde dort zu einem sofortigen Bankensturm führen, da alle Anleger ihre Euro retten wollten, bevor sie in eine schwächelnde neue Währung übergeführt würden. Selbst wenn man dies über eine wochenlange Bankenschliessung zu verhindern versuchte, würde im austretenden Land ein verheerender wirtschaftlicher Einbruch provoziert. Die damit einbrechenden Steuereinnahmen und die Unmöglichkeit, Staatsanleihen in der neuen Währung zu vernünftigen Konditionen zu platzieren, würden die Notenpresse rasch als wichtigste Quelle der Staatsfinanzierung erscheinen lassen – der Albtraum einer Hyperinflation würde zur realistischen Gefahr.

Verheerende Folgeeffekte

Die Ansteckungseffekte auf den Finanzsektor innerhalb des austretenden Landes wären verheerend. Global gesehen noch bedrohlicher wäre das Signal an andere Krisenländer. Fällt mit dem Euroaustritt eines Landes dieses letzte Tabu, dann wären Bankenstürme eine rationale ­Reaktion der dortigen Einleger, die das Gleiche in ihren Ländern befürchten müssten. Die folgenden Bankenzusammenbrüche könnten über die gegenseitige Verflechtung zu einer europaweiten Systemkrise führen, die die Finanzkrise 2008 vergleichsweise harmlos erscheinen ließe. Selbst wenn ein starkes Land wie Deutschland austreten würde, wären die Risiken für das Finanzsystem aus ähnlichen Gründen beträchtlich.

Das Damoklesschwert einer verheerenden zweiten Bankenkrise hängt seit drei Jahren über der Eurozone. Angesichts der drohenden Ansteckungseffekte ist die bisherige, auf die Erhaltung der Eurozone ausgerichtete Strategie trotz aller Kosten angemessen. Bevor das europäische Bankensystem nicht in einem gesünderen Zustand ist, wären Euroaustritte oder gar eine Auflösung des Euroraums ein zu unkalkulierbares Risiko. Damit ist die europäische Politik letztlich in der unmöglichen Situation, wegen Ansteckungsrisiken im Bankensektor ein ökonomisch problematisches Projekt wie die Eurozone, koste es, was es wolle, in der heutigen Form am Leben erhalten zu müssen. Gerade vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Fokus der Regulierung auf die Erhöhung der Krisenresistenz des Bankensystems durch deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen mit Nachdruck zu unterstützen.

 

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