EUR/USD: EZB senkt Leitzins auf Rekord-Tief

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bei ihrer geldpolitischen Sitzung im tschechischen Bratislava am Donnerstag den Leitzins um 0,25 Prozent auf das Rekord-Tief von jetzt 0,5 Prozent gesenkt. Begründet wurde die Entscheidung mit der Rezession in weiten Gebieten der Eurozone und der schlechten Situation auf dem Arbeitsmarkt. Zudem habe sich die pessimistische Stimmung in der Wirtschaft ausgedehnt. Zwar geht die EZB weiterhin davon aus, dass die Konjunktur sich im zweiten Halbjahr des Jahres stabilisieren wird. So würde das Exportwachstum von der Erholung der weltweiten Nachfrage profitieren. Auch habe sich die Lage an den Finanzmärkten entspannt, was sich letztendlich positiv auf die Realwirtschaft auswirken dürfte. Trotzdem seien große Risiken vorhanden. „Die Zinssenkung soll die Erholung im weiteren Jahresverlauf unterstützen“, sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Die Inflationsgefahr sei gering, wodurch die Notenbank entsprechenden Spielraum für geldpolitische Maßnahmen habe. Im April lag die Teuerung im Euroraum mit nur 1,2 Prozent deutlich unter dem EZB-Zielwert von leicht unter zwei Prozent.

In einer „Zwickmühle“ sieht Draghi die EZB nicht. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte diese Ansicht vor rund einer Woche vertreten und war der Auffassung, dass eine Senkung des Leitzins für einige Länder nicht einmal ausreichend sei, während andere Länder wie beispielsweise Deutschland eigentlich etwas höhere Zinsen benötigen würden. Draghi sagte dazu: „Wir haben 17 Länder, deren Wirtschaft sich stark unterscheidet. Wir denken: Wenn man in Betracht zieht, dass die Wirtschaftsschwäche auch die Kernländer betrifft, profitieren alle von diesem Schritt.“

Neben dem Leitzins wurde auch der Satz, für welchen sich Banken kurzfristig mit Kapital bei der Zentralbank versorgen können, von 1,5 auf 1,0 Prozent gesenkt. Auch dies ist ein Rekordtief. Außerdem werden sich die Geldinstitute noch mindestens bis zum 9. Juli 2014 in unbegrenzter Höhe bei der Notenbank mit Liquidität versorgen können. Eigentlich sollte dies nur bis Juli dieses Jahres möglich sein.

Ökonomen hatten die Entscheidung überwiegend so erwartet und auch die Finanzmärkte hatten eine Zinssenkung bereits eingepreist. Mehr Eindruck machte daher die Aussage von EZB-Präsident Draghi auf der Pressekonferenz, dass man „zum Handeln bereit“ sei und weitere Schritte nicht ausschließen würde, sofern diese notwendig werden. Neben einer weiteren Senkung des Leitzinses könnte damit insbesondere eine Senkung des Einlagen-Zinssatzes in den negativen Bereich gemeint sein, für welchen Banken Geld bei der EZB parken können. Man hatte diesen bereits vor einiger Zeit auf null Prozent gesenkt, damit die Kreditinstitute ihr Kapital investieren bzw. als Kredite an die Wirtschaft vergeben, anstatt es bei der Zentralbank zu parken. Bisher führte dies nicht zum gewünschten Erfolg. Insbesondere in den südeuropäischen Krisen-Ländern scheuen die Banken das Risiko einer Kredit-Vergabe bzw. sind nur zu hohen Zinsen dazu bereit. Sollte der Satz nun in den negativen Bereich gesenkt werden, müssten die Banken also quasi eine Straf-Gebühr bezahlen. Draghi sagte, dass man diesbezüglich „unvoreingenommen“ und „technisch vorbereitet“ sei. Allerdings gebe es noch „einige ungewollte Nebenwirkungen, die wir meistern müssen, wenn wir uns zum Handeln entscheiden“.

Insgesamt halten die meisten Experten die positiven Auswirkungen der Zinssenkung für begrenzt. Diese habe zwar einen psychologischen Effekt. Das eigentliche Problem sei aber, dass die bereitgestellte Liquidität besonders in den Krisen-Ländern nicht oder nur in geringem Umfang in der Real-Wirtschaft ankommt. Trotz bereits vorher historisch niedriger Zinsen, müssten mittelständische Unternehmen in Ländern wie Spanien oder Italien immer noch hohe Zinsen für Bankkredite zahlen. Das würde auch der jetzt noch niedrigere Leitzins kaum ändern. Es sei daher auch wahrscheinlich, dass die EZB mit weiteren Maßnahmen nachhelfen wird, welche direkt auf dieses Problem abzielen. Das kann die besagte Senkung des Einlagen-Zinses in den negativen Bereich sein, aber auch ein völlig anderes Programm. In einer vor der Zins-Entscheidung durchgeführten Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter Ökonomen prognostizierte die Mehrheit nicht nur die stattgefundenen Zinssenkung, sondern auch gezielte Maßnahmen zur Kredit-Ankurbelung innerhalb der kommenden drei Monate.

Charttechnische Situation bei EUR/USD
(Stand Donnerstag, 23:00 Uhr):

Während die sich anbahnende Senkung des Leitzinses EUR/USD unbeeindruckt ließ und das Paar am Mittwoch sogar bis 1,3242 steigen konnte, sorgte die Möglichkeit weiterer geldpolitischer Maßnahmen dann aber doch für eine deutliche Abwärtsbewegung. Im Anschluss an die EZB-Pressekonferenz ging es am Donnerstag von rund 1,32 bis 1,3034 nach unten. Insgesamt präsentiert sich das Paar aber schon seit über drei Wochen sehr unentschlossen und die weitere Entwicklung ist nicht eindeutig. Sollte der Kurs nun wieder nach oben drehen, ist das genannte Hoch bei 1,3242 entscheidend. Darüber wäre der Weg frei für einen weiteren Anstieg bis 1,3318; 1,35 und längerfristig 1,38. Deutliche Unterstützung findet sich unterhalb von 1,30. Dort sind zum einen die Tagestiefs vom 25. und 26. April bei 1,2986 zu nennen. Wichtig für Euro-Bullen ist aber insbesondere das Tief vom 24. April bei 1,2953 und die leicht darüber befindliche 200-Tageslinie. Sollte der Kurs nachhaltig darunter fallen, würde sich die Situation eintrüben und spätestens unter 1,29/1,2875 müsste von einer deutlicheren Abwärtsbewegung bis zum Jahrestief bei 1,2744 und anschließend bis 1,2659 ausgegangen werden.

Tageschart EUR/USD (Stand: Donnerstag, ca. 23:00 Uhr):
EURUSD

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